Jede Woche meldet ein weiterer Händler Insolvenz an. Die Zahlen sagen allerdings etwas ganz anderes. 2025 entfielen 12 % des französischen Einzelhandelsumsatzes mit Waren auf den Onlinehandel, laut dem jährlichen E-Commerce-Bericht der Fevad. Fast alle übrigen 88 % entfielen auf stationäre Geschäfte.
Der stationäre Handel stirbt nicht.
Er verlagert sich, und Frequenzdaten zeigen, wohin, oft Monate bevor der Umsatz es bestätigt.
Der Handel liegt mir im Blut. Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater haben alle Monoprix-Filialen geführt. Ich selbst habe auf der Verkaufsfläche angefangen, als Abteilungsleiterin und dann als stellvertretende Filialleiterin in Paris und im Libanon, bevor ich ins Datenteam der Monoprix-Zentrale wechselte. Heute beobachte ich als CMO von MyTraffic jeden Tag Fußgänger- und Fahrzeugströme in ganz Europa. Was diese Ströme verraten, habe ich kürzlich im Podcast Les Digital Doers erzählt. Diese fünf Trends im stationären Handel stechen 2026 heraus:
- Kunden bleiben näher an ihrem Wohnort, und die Ladenformate folgen ihnen.
- Die Innenstadtfrequenz hält dort, wo Städte in Fuß- und Radverkehr sowie den ÖPNV investiert haben.
- Haustiere, Wellness und Sport treiben die Neueröffnungen.
- Trendkonzepte verschwinden so schnell, wie sie sich vermehren.
- Frequenzdaten begleiten heute das gesamte Leben eines Geschäfts, von der Eröffnung bis zum Marketing.
1. Kunden bleiben näher an ihrem Wohnort, und die Ladenformate folgen ihnen

Unsere Daten zeigen: Kunden legen weniger Wege zurück als vor 2020 und kaufen näher an ihrem Wohnort ein. Das Homeoffice hat das tägliche Pendeln zwischen Stadtrand und Innenstadt reduziert. Danach haben Verkehrspolitik und steigende Kraftstoffpreise dafür gesorgt, dass jeder zweimal überlegt, bevor er ins Auto steigt. Beide Entwicklungen treffen vor allem große Märkte am Stadtrand, deren Modell darauf beruht, dass die Kundschaft mit dem Auto kommt.
IKEA zeigt, wie eine Marke darauf reagieren kann. Der klassische blaue Kasten an der Umgehungsstraße war für den Wochenendausflug gebaut: riesiger Parkplatz, Restaurant, Kinderbereich, ein ganzer Nachmittag vor Ort. Bei der Analyse der 15 jüngsten IKEA-Eröffnungen in Europa haben wir festgestellt, dass sich das Modell geändert hat. Die neuen Filialen sind kleiner und liegen in oder nahe der Innenstadt. Kunden verbringen dort ein bis zwei Stunden wie in einem Showroom und lassen sich die Ware dann liefern.
Decathlon ist mit seinen Decathlon-City-Filialen denselben Weg gegangen. Wir haben mit dem Team daran gearbeitet, das Sortiment jeder Filiale anzupassen: Zwei innerstädtische Einzugsgebiete, die nur wenige Kilometer auseinanderliegen, verlangen fast nie denselben Mix aus Ski-, Lauf- und Radsportartikeln.
Die Lehre für jedes Expansionsteam: Die Erfolgsfaktoren Ihrer bestehenden Filialen wurden festgelegt, als sich die Kunden noch anders bewegten. Gleichen Sie sie mit den heutigen Strömen ab, bevor Sie sie in einer neuen Stadt übernehmen.
2. Die Innenstadtfrequenz hält dort, wo Städte in Fuß- und Radverkehr sowie den ÖPNV investiert haben

Innenstädte, die gut ohne Auto erreichbar sind, haben ihre Besucher behalten. Wer noch vom Auto abhängt, hat sie mit steigenden Kraftstoffpreisen verloren. In einer aktuellen MyTraffic-Analyse haben wir die Besucherfrequenz in rund 30 französischen Innenstädten mit der Verkehrspolitik der jeweiligen Stadt verglichen, und der Zusammenhang ist eindeutig. In der Grenobler Innenstadt ist die Besucherfrequenz in 4 Jahren um 21,3 % gestiegen, nachdem die Stadt in Fußgängerzonen investiert hatte. Paris und Marseille zeigen dasselbe Muster.
Das widerlegt eine Befürchtung, die ich jede Woche höre. Als die Rue de Rivoli in Paris zu einer breiten Radspur umgebaut wurde, gingen viele Händler der Straße auf die Barrikaden, überzeugt, dass ihre Kunden ausbleiben würden.
Dabei zeigt eine Auswertung der Arbeiten der Verkehrsforscherin Carmen Hass-Klau, die Forschende der University of the West of England zitieren, dass die Fußgängerströme nach der Einrichtung von Fußgängerzonen in Großbritannien und Deutschland je nach Projekt um 18 bis 92 % zunahmen. Händler, die sich gegen die Projekte gestellt hatten, akzeptierten sie häufig, sobald die Wirkung sichtbar wurde.
Montpellier ist das deutlichste Beispiel der letzten Jahre. Die Metropole hat im Dezember 2023 den ÖPNV für alle Einwohner kostenlos gemacht, nachdem sie zunächst mit den Wochenenden begonnen hatte. Die Fahrgastzahlen stiegen zwischen 2019 und 2024 um 33 %. Laut unseren Daten legte die Besucherfrequenz in der Innenstadt innerhalb von sechs Monaten um rund 20 % zu, und die Ausgaben zogen mit: Es handelte sich um qualifizierte Frequenz, also um Besucher, die zum Einkaufen kamen. Auch kleinere Städte ziehen nach. Alès hat seine Markthalle, die Halles de l'Abbaye, renoviert, um Bewohner des Umlands zurückzugewinnen, die nicht mehr in die Stadt kamen. Das Zentrum gewann in zwei Jahren rund 20 % an Besucherfrequenz.
3. Haustiere, Wellness und Sport treiben die Expansion im europäischen Handel
Die Anfragen nach Standortdaten, die wir 2026 erhalten, geben ein frühes Signal, woher das künftige Wachstum kommt. Auf der MAPIC 2025 in Cannes, der Fachmesse für Handelsimmobilien, auf der wir jedes Jahr ausstellen, spiegelten die Besucher unseres Stands den Markt sehr genau wider.
Der Heimtierbedarf liegt vorn. Ketten wie Animalis und Maxi Zoo eröffnen in hohem Tempo neue Filialen, und die spanische Kette Tiendanimal hat 2025 ihre 30. Filiale in Portugal eröffnet. Haushalte drehen beim eigenen Einkauf jeden Cent um, aber die Ausgaben für ihre Tiere bleiben eine Priorität. Das macht Heimtierbedarf zu einer der verlässlichsten Branchen für Vermieter und Franchisenehmer. Die Branche ist in den USA jahrelang gewachsen und kommt nun mit voller Kraft nach Europa.
Danach folgt Wellness. In den vergangenen sechs Monaten haben in Paris zwei Studios für Kontrasttherapie eröffnet, bei der man zwischen Sauna und Kältebad wechselt. Pilates-Studios werden immer zahlreicher. Einige dieser Konzepte bitten uns, ihr Standortnetz zu analysieren, bevor sie überhaupt nach Frankreich kommen.
Sport und Freizeit runden das Bild ab. Wir erhalten laufend Anfragen nach Standorten für Padel-Plätze in Frankreich und Europa. Hyrox, ein Wettkampfformat, bei dem sich acht Läufe über je 1 km mit jeweils einer Station für funktionelles Training abwechseln, bringt eigene Studios hervor. Immersive Freizeitangebote, von Trampolinparks bis zu digitalen Kunsterlebnissen, ziehen in Einkaufszentren ein.
Keines dieser Konzepte hat Mühe, Kunden zu finden. Ihr Kampf gilt den Quadratmetern: die richtige Fläche am richtigen Ort, mit einer Mietbelastungsquote (Miete im Verhältnis zum Umsatz), die das Geschäft tragen kann.
4. Trendkonzepte verschwinden so schnell, wie sie sich vermehren
Ein Trend kann eine Straße in zwei Jahren mit neuen Schaufenstern füllen und sie in fünf wieder leeren. Wir haben das bei Cookie-Läden und reinen Focaccia-Konzepten erlebt: viel Marketing-Hype, kein echtes Wertversprechen dahinter, dann der Niedergang, sobald der Reiz des Neuen verflogen war.
Heute ist frittiertes Hähnchen im Crousty-Stil an der Reihe, angeschoben von TikTok. Etwa alle zwei Wochen meldet sich eine neue Crispy-Chicken-Marke bei mir. Die seriösen stellen alle dieselbe Frage: Wie vermeiden wir es, zu schnell zu eröffnen, wenn die Nachfrage wieder abflauen könnte? Das ist die richtige Frage, denn eine Filiale kann mehrere Millionen Euro an Investitionen (CAPEX) kosten. Für ein kleines Filialnetz kann eine einzige schlechte Standortentscheidung das Aus bedeuten. Social-Media-Hype bringt durchaus Leute in den Laden, aber Hype allein hält ein Geschäft nicht dauerhaft am Leben.

Shein im BHV Marais hat gezeigt, wie schnell die Begeisterung abklingen kann. Als Shein im November 2025 im Pariser Kaufhaus eröffnete, stieg die Besucherfrequenz in der ersten Woche um 11,8 %. Im Dezember lag sie 6,5 % unter dem Vorjahr, ein mehr als dreimal so starker Rückgang wie bei vergleichbaren Pariser Kaufhäusern. Sieben Monate nach der Eröffnung beendete das BHV die Partnerschaft.
Genau das liefern Frequenzdaten einem schnell wachsenden Konzept, bevor es den nächsten Mietvertrag unterschreibt. Halten die Besuche, wenn die ersten Wochen nach dem Start vorbei sind? Zieht das Geschäft weiterhin Menschen aus derselben Entfernung an, oder lebt es zunehmend von Laufkundschaft aus der eigenen Straße? Ein Konzept, das beide Tests besteht, hat ein Format gefunden. Eines, das sie nicht besteht, reitet auf einer Modewelle. Hier liegt auch der Unterschied zum vorherigen Trend: Heimtierbedarf und Wellness bedienen eine Gewohnheit, die Menschen jede Woche pflegen, ein Ein-Produkt-Snack dagegen ein Verlangen, das weiterzieht.
Marken, die die Nase vorn haben, tun oft eine einfache Sache mit großer Konsequenz. Five Guys gibt fast nichts für Werbung aus. Ich habe einen ganzen Tag in ihren Restaurants verbracht: Von den Pommes bis zu den Patties wird alles jeden Morgen vor Ort von Hand geschnitten und geformt. Die Gäste kommen wieder, und zwar oft. Avril, die Marke für Biokosmetik, macht nie Rabattaktionen: ein fairer Preis, überall gleich, das ganze Jahr, in einer Branche, in der Dauerrabatte jede Bedeutung verloren haben.
Keine der beiden Marken brauchte Frequenzdaten, um ihr Erfolgsrezept zu finden. Beide nutzen sie, um dieses Rezept an die richtigen Orte zu bringen.
5. Frequenzdaten begleiten heute das gesamte Leben eines Geschäfts
Die meisten Marken nutzen Frequenzdaten zunächst für die Standortwahl. Ihren vollen Wert entfalten sie aber erst nach der Eröffnung, wenn sie erklären, warum ein Geschäft funktioniert, was es verkaufen sollte und wo seine nächsten Kunden wohnen.
Franprix nutzt MyTraffic, um sein gesamtes Filialnetz zu beobachten, einschließlich der Franchise-Märkte. Ein Markt blieb seit Jahren hinter den Erwartungen zurück, und der Franchisenehmer machte Bauarbeiten und sinkende Frequenz dafür verantwortlich. Franprix verglich ihn mit Märkten, die dieselbe Frequenz, dieselbe Kaufkraft der Besucher und denselben Mix aus Anwohnern und Touristen aufwiesen. Das Problem lag im Angebot. Das Einzugsgebiet verlangte nach Services, also ergänzte Franprix eine Backtheke, einen Hähnchengrill und Paketstationen, was dem Markt wieder Auftrieb gab.

Marketing ist der dritte Einsatzbereich. Wenn ein Geschäft kaum Besucher anzieht, die mehr als 15 Minuten entfernt wohnen, obwohl die Bewohner dieser Gebiete seinen besten Kunden ähneln, liegt dort ungenutztes Potenzial. Einige unserer Kunden schalten inzwischen Meta- und Drive-to-Store-Kampagnen, die genau auf diese Gebiete zielen, und vergleichen anschließend die Herkunft der Besucher vor und nach der Kampagne, um zu prüfen, ob sie Menschen in den Laden gebracht hat. Bei immer knapperen Marketingbudgets im Handel wird dieser Vorher-nachher-Nachweis unverzichtbar.
Auch der Zugang zu den Daten verändert sich. Bisher hieß die Arbeit mit Standortdaten, sich auf einer Plattform einzuloggen und Diagramme lesen zu können. Dafür fehlen einem Filialleiter nach Schichtende Zeit und Energie. Gini by MyTraffic ermöglicht es jedem, eine Frage in natürlicher Sprache zu stellen und in Sekunden eine Antwort zu bekommen, wenn nötig auch vom Smartphone zwischen zwei Terminen. Ein Franchisenehmer mit zwei Filialen hat damit dieselben Frequenzanalysen wie ein nationales Expansionsteam.
Warum ich für die Zukunft des stationären Handels optimistisch bin
Der stationäre Handel in Frankreich und Europa verändert seine Form, und die Nachfrage, die ihn trägt, wächst weiter. Das sehe ich an den Anfragen, die jeden Tag bei MyTraffic eingehen. US-amerikanische E-Commerce-Marken für Brillen und medizinische Berufskleidung bereiten ihren Markteintritt in Europa vor. Etablierte Ketten interessieren sich für wachstumsstarke Märkte wie Polen, wo steigende Einkommen westeuropäische Marken anziehen. Und Franchise-Neulinge bringen uns laufend Projekte für Bäckereien, Madeleine-Läden und Restaurants. Es schließen Geschäfte, wie schon immer, aber die Lust auf Neueröffnungen ist ungebrochen.
Die fünf Trends haben eines gemeinsam: Kunden ändern ihre Wege, bevor sie ihre Ausgaben ändern. Marken und Städte, die die Besucherfrequenz beobachten, sehen diese Veränderung zuerst und können handeln, während andere noch die Umsätze des letzten Quartals auswerten.
Möchten Sie sehen, wie sich die Frequenz rund um Ihre Filialen oder in Ihrer Innenstadt entwickelt? Fragen Sie Gini by MyTraffic kostenlos oder sehen Sie sich die ganze Folge von Les Digital Doers an, um das vollständige Gespräch zu hören.
Häufig gestellte Fragen
Ist der stationäre Handel in Europa rückläufig?
Nein. In Frankreich, wo die Datenlage am verlässlichsten ist, machte der Onlinehandel 2025 laut Fevad 12 % des Einzelhandelsumsatzes mit Waren aus, und fast der gesamte Rest entfiel auf stationäre Geschäfte. Was sich ändert, ist der Ort des Einkaufs. Frequenzdaten zeigen, dass Kunden näher an ihrem Wohnort bleiben und Innenstädte bevorzugen, die sie ohne Auto erreichen.
Was sind Frequenzdaten?
Frequenzdaten messen, wie viele Menschen an einem Ort vorbeigehen oder ihn besuchen, wann sie kommen und woher. Händler, Vermieter und Städte nutzen sie, um Standorte zu vergleichen, die Leistung von Filialen zu verfolgen und Veränderungen der Nachfrage zu erkennen.
Wie erhebt MyTraffic Frequenzdaten?
Die Daten zu Fußgängerströmen stammen aus Standortsignalen, die Tausende mobiler Apps in Europa mit Einwilligung der Nutzer teilen und die MyTraffic aggregiert und hochrechnet. Fahrzeugströme stammen aus Connected-Car-Daten von Autoherstellern. Beide Quellen werden täglich aktualisiert und sind für jede Adresse verfügbar, anders als Sensoren, die nur an einem einzigen Eingang zählen.
Schaden Fußgängerzonen dem Innenstadthandel?
Laut den Daten selten. Die MyTraffic-Analyse von rund 30 französischen Innenstädten zeigt eine stabile oder steigende Frequenz dort, wo Städte in Fuß- und Radverkehr sowie den ÖPNV investiert haben. Eine Auswertung der Arbeiten von Carmen Hass-Klau, die Forschende der University of the West of England zitieren, zeigt, dass die Fußgängerströme nach der Sperrung von Straßen für den Verkehr in Großbritannien und Deutschland je nach Projekt um 18 bis 92 % zunahmen.
Wie helfen Frequenzdaten bei der Standortwahl?
Beginnen Sie mit Ihren besten Filialen: Messen Sie Frequenz, Besucherprofil und Einzugsgebiet, um Ihre Erfolgsfaktoren zu bestimmen. Suchen Sie dann nach Gebieten, die zu diesem Profil passen, und prüfen Sie, ob die Frequenz qualifiziert ist, also aus Menschen besteht, die zum Einkaufen kommen. Vergleichen Sie schließlich den erwarteten Umsatz mit der Miete, bevor Sie unterschreiben.
Kurz gesagt
Dieser Artikel basiert auf dieser Folge des Podcasts Les Digital Doers.






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